Vierter Bericht von Ellen und Jule

Meldung aus Mangolandia

„Mas cerca“, ganz in der Nähe… Diese und ähnlich (in den seltensten Fällen zutreffende) differenzierte Aussagen zu Entfernung und Lage unserer Zielorte bereicherten unsere letzten 10 Tourtage ungemein.

Nach ungeplant langem Aufenthalt in La Paz konnte Etappe 2 mit Claudia und Massi im Team an einem regnerischen Sonntag starten. Mit dabei auch Hugo, ein bolivianischer Gehörloser, den wir für 5 Tage gewinnen konnten.
Bei Sauwetter und dünner Luft (wir fahren immerhin auf über 3500m Höhe auf schwer bepackten Tandems!) ging es in den ersten 2 Tagen steil bergauf, um schließlich auf dem „La Cumbre“, dem Pass auf 4725m, seinen Höhepunkt zu finden. Dabei erreichten nur 4 der 6 Verrückten den Pass per Rad. Massi musste wegen Knieproblemen nach Tag eins pausieren und Julianes Kreislauf machte 5 km vor dem Ziel endgültig schlapp. Saukalt war es da oben, aber wenn man oben auf dem Pass steht und die Wolken von unten aufsteigen sieht, ist die ganze Anstrengung tatsächlich innerhalb weniger Sekunden vergessen. Und dann ging es runter runter runter! Mit knapp 50km/h schossen wir an wolkenverhangenen Berggipfeln, einsamen Schafherden und ungläubigen Bolivianern vorbei.
Einen Tag später rief uns dann die berühmt berüchtigte „El Camino de la muerta“, die Todesstrecke. Auf der knapp 3 Meter breiten Straße immer am Abgrund entlang, vorbei an Wasserfällen, verlassenen Hütten und exotischer Fauna. Aber statt Massi entspannt im Tal wieder einzusacken ging es am Abend unerwartet noch mal 6 km steil auf kaum befahrbarem Pflasterweg in die Höhe nach Coroico. Da Massis Knieprobleme ernsterer Art zu sein scheinen, und auch Hugos Zeit langsam auslief, verbrachten wir einen workshopreichen Tag in der Stadt, gönnten uns zum Abendessen Käs´spätzle in einem deutschen Restaurant und radelten am nächsten Tag nur noch zu viert weiter.

Haben wir in Brasilien überwiegend Steigungen an den Berghängen erklommen, so ist Bolivien um einiges kompromissloser- es gibt nur einen Weg, und zwar ÜBER die Berge.
Dafür entdeckten wir abgelegene Bergdörfchen, der morgendliche Nebel verwandelte Landschaften oft in Märchenwälder und die Abenddämmerung hauchte knorrigen Bäumen menschliche Züge ein.
Wir hatten auf unserer Strecke oft Glück und erreichten gegen Abend einen Fluss zum Campieren. Das bedeutete einerseits ein erfrischendes abendliches Bad im Whirlpool, andererseits aber auch die Bekanntschaft mit der sogenannten „Arschlochfliege“- sie erinnert stark an eine Obstfliege, beißt jedoch zu und hinterlässt ein blutige Stelle, die anschwillt, juckt und noch Wochen sichtbar bleibt. Trotzdem verbrachten wir gemütliche Abende am Lagerfeuer und lernten Hare Krishna-Anhänger und ihre leckere Küche kennen und schätzen.

Das Spannende an den Wegen über den Berg ist außerdem die Vorfreude auf das Unbekannte dahinter.
Da kann es nämlich passieren, dass man plötzlich in Mangolandia landet, einem lang ausgedehnten tropischen Tal, in dem Mangos, Zitronen und Orangen reifen. Guten Appetit!
Beim täglichen Wasserfiltern lernten wir gastfreundliche Familien kennen, die uns mit selbstangebauten Limonen, Orangen, Mandarinen beschenkten.
An dem Feiertag Todos Santos (Allerheiligen), an welchem hier traditionell Altäre mit bunten Popcornketten und Hefeteigfiguren geschmückt werden, wurden wir (ebenfalls segensreicher Teil der Tradition) unerwartet mit reichlich Brot versorgt. Dafür wurde den Rest der Woche nirgends mehr frisch gebacken, sodass es irgendwann nur noch enorm trockene Fladen gab, gegen die auch der größte Speichelfluss nicht mehr ankam. Was macht man da? Arme Ritter! Lecker.

Gut gestärkt ging es dann aus den Tälern wieder in die Berge. Aufgrund unserer steigenden Kondition war erstmals nicht mehr das WIE die Herausforderung, sondern das WOHIN. Kartenangaben, die Aussagen der Bolivianer und unsere gefahrenen Kilometer differierten irgendwann so stark, dass wir einfach immer auf der am stärksten befahrenen Straße blieben (was bedeutet, dass uns täglich nicht nur ein, sondern vielleicht sogar vier bis fünf Autos überholten).
Licoma, unser Atlantis, wurde zu einer sagenumwogenen Stadt, die auf der Karte vom vorherigen Ort in nur 40km Entfernung angegeben war. Laut den Aussagen der Einheimischen waren es nach gefahrenen 50 km noch acht Stunden, irgendwas um die 70km aber fast schon ganz nahe hinter dem nächsten Berg. Statt des erwarteten Glanzes der Stadt (Glanz=Internet) erwartete uns nach einer nächtlichen Fahrt vorbei an Eukalyptusbäumen ein kleines Dörfchen, in welchem kalte Pommes Frites verkauft wurden und Kinder, die uns mit Dreck bewarfen. Großartig.

Von Licoma aus ging es dann ca. 10km aufwärts und dann sei alles flach (so sagen sie, die Bolivianer) bis nach Sacambaya. Kein Problem also. Nach einer gemütlichen Fahrt auf einem LKW bis zum Gipfel ging es die folgenden 54km des Tages stetig mäßig bergauf, bergab. Alles, nur nicht flach. Schließlich erreichten wir wiedermal nach der Abenddämmerung den Fluss, an dem Sacambaya laut Skizze liegen sollte. Wir schlugen unsere Zelte auf, genossen eine leckere Kohlsuppe und erwarteten, den nächsten Tag ganz locker in der Stadt einen LKW in Richtung Independenica zu erwischen (denn in Sacambaya gibt es Busse, die dorthin fahren!). Bei Tageslicht stellte sich jedoch heraus, dass es diese Stadt gar nicht gibt. Nach dem Schieben der Räder durch das 500m breite, teilweise ausgedörrte Flussbett (die Brücke wird momentan noch gebaut! Aha.) stellten wir beim Fragen im einzig sichtbaren Haus fest, dass dieses Gebiet Sacambaya genannt wird und außer diesem Baulager (die Brücke soll ja auch irgendwann mal fertig werden!) in den nächsten 25km kein Dorf existiert. Hinzu kommt erschwerend, dass der Fluss leider umgeben ist von hohen, steil ansteigenden Bergen.
Aus Zeitnot erklimmen Ellen und Sebastian momentan die nächtlichen km wieder bergauf ins letzte Dorf um einen Pick Up zu organisieren, der uns wahrscheinlich das halbe Monatsgehalt eines Bolivianers kosten wird. Derweil machen es sich Claudia und Juliane unter einem provisorischen Sonnenschutz aus den Schlafsack- Inlets im Flussbett für einige Stunden gemütlich.
Das Abenteuer geht weiter!

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