Teilnahme Gehörloser in Ecuador unbefriedigend

Die Attitüde vieler Ecuadorianer, speziell auch gehörloser nennt man in Ecuador selber “Paternanlismus”. Wenig Selbstinitiative, viel Hand-Aufhalten. Ich mache aus meiner etwas verbitterten Erfahrung kein Hehl und schildere einmal meine Erfahrungen:

der erste Tag im Land, aus Peru kommend startete schlecht aber repräsentativ – der Busfahrer wollte mir die versprochenen 5 Dollar Rückgeld (kein Wechselgeld zu haben ist in Südamerika das normalste der Welt) nicht mehr aushändigen, weil ihm die Räder inzwischen auf einmal doch größer vorkamen, als eben noch am Verkaufsstand. Zwei von drei fliegenden Verkäufern, die bei jeden Halt durch den Bus eilen, um Snacks uns Getränke anzubieten, behielten ebenso mein Rückgeld ein. Beträge, die auf Dauer durchaus schaden und Verhaltensweisen, die mich seelisch-moralisch sofort störten. Ein anderer Fahrgast erklärte mir, dass “die Gringos” seit jeher für jedwedes Gut einen Dollar hinlegen und abwinken “Passt scho”, behalte das Rückgeld, denn Ecuador ist im Vergleich zu den Vereinigten Staaten noch wesentlich günstiger. Ob dies aus Großzügigkeit oder mangelnder Sprachkenntnisse geschieht – oder geschah, sei dahin gestellt. Aber ich denke, dass dieses scheint’s Ecuador-weite Phänomen gepaart mit viel traditioneller Entwicklungshilfe von oben, von „US Aid“ als auch der EU ähnlich wie in einigen afrikanischen Staaten zu einer ganz krassen passiven Haltung geführt haben.

Nachdem wir die Fahrt Esmeraldas über die “Costa de Sol” nach Guayaquil am fünften Tag abbrechen mussten, weil dem einzigen Gehörlosen die Lüste mitzumachen verlassen haben, sind wir per Bus zum angedachten Ziel dieser letzten Etappe, Guayaquil vorgefahren. Die Dolmetscherin Jacqueline, diesen Problemen gegenüber dank vieler Erfahrungen bereits genügend demütig, verlor nicht den Mut und so nahmen wir noch am selben Abend am Treffen des lokalen Gehörlosentreffens teil. Es fanden sich tatsächlich zwei interessierte Frauen, die einen zuverlässigen Eindruck machten. Wie in Bolivien auch forderte ich eine Art Mini-Beteilung einen zumindest symbolischen Beitrag zur ihrer eigenen Ernährung. Wir haben dargelgt, dass wir in den 5 Tagen zu dritt mit Victor etwa 30 Dollar ausgegeben haben, dass diese Selbstküche also sehr günstig sei. Abgesehen davon, dass, siehe http://www.globetreter.de/?page_id=166 inzwischen die finanzielle Situation des Projektes sehr defizitär ist, finde ich diese Haltung recht unerträglich. Man könne in den eigenen Reihen für die beiden potentiellen Teilnehmerinnen sammeln, bzw. wolle morgen früh an selber Stelle beim Verantwortlichen des Behindertenrates der Stadt um finanzielle Unterstützung bitten. Ich versuchte weiter nachzuhaken, wovon sich die beiden hier sonst so ernähren, denn wenn ihnen die Eltern oder wer auch immer diese Groschen zu steckten, die während ihrer Absenz ja nicht anfallen, dann wäre das Thema ja schon erledigt. Irgendwie, aber das konnte mir Jacqueline nicht begreiflich machen, geht das nicht. Antworten werden nicht gegeben, es wird um den heissen Brei herum gebärdet. Am nächsten Morgen treffen wir uns, nach 1,5 h Verspätung ist dann auch die zweite Gehörlose da, der Verantwortliche aber leider nicht. Wir könnten vielleicht die Mütter anrufen meinte die Pünktliche, die Mutter der anderen lehnte dankend ab, und sie selber hatte ihre Meinung innerhalb des vierstündigen Treffens bereis geändert und ignorierte Jaquelines Fragen nach der Telefonnummer der Mutter. Ich habe mich bis auf die Unterhose ausgezogen, um zu erklären, dass Kamera oder dieses Netbook, auf dem ich gerade die Bilder von Victor vorgeführt habe, bereits investierte Werte sind und ich trotzdem meine Eltern um viel Geld anpumpen musste, um das Projekt weiterhin anbieten zu können, damit sie selber, die Gehörlosen die Möglichkeit bekommen, sich für sich und die Gehörlosen in Zukunft einzusetzen. Die Lage für Gehörlose im Land ist im Vgl. zu in Bolivien, wo das Pro-Kopf-Einkommen weniger als halb so viel ist, in vieler Hinsicht sehr viel schlechter, ob dies die Verfügbarkeit von Dolmetschern oder die Akzeptanz seitens der hörenden Mitmenschen anbetrifft: “Psychopaten!” und “Mit Verrückten rede ich nicht” habe ich mit eigenen Ohren gehört, Anfeindungen seitens hörender Ignoranten, wie ich sie weder in Brasilien noch in Bolivien je auch nur ansatzweise mitbekommen habe. Vieel zu tun also.
Dieselbe Gehörlose beschreibt mich kurz drauf später dazu gestoßenen Gehörlosen als der reiche Deutsche, der mit dem Flieger angereist ist, und….” Jacqueline unterbricht ihr Gebärden.
Während dieser “Sitzung” die mich einige graue Haare gekostet hat, haben die erwähnten Personen teurer Wasser in PET Flaschen und sogar Zeitungen gekauft. Geld für persönliche Bedürfnisse scheint also doch da zu sein. Aber ich hatte das Gefühl, dass sie der Meinung sind, dass eher ich das Projekt-Notebook verkaufen sollte, als dass sie auch nur einen Cent zur Verfügung stellen. Viele graue Haare. Jacqueline gibt mir zu verstehen, dass ich die Situation im Lande, diesen “Paternalismus” vorher in Erfahrung hätte bringen sollen und dass ich jetzt entweder ja oder nein sagen solle. Sie sei das leider schon gewohnt und könne auch mit einen Projektabbruch leben, da sie selber diese Attitüde auch nicht wohl heißt.
Da ich keine Alternative sah, und bis zu meinem Abflug einfach schon alles auf diese Zeit getimed war, lasse ich also ja ausrichten.
Morgen um acht Uhr, verabreden wir einstimmig, sie sollen pünktlich kommen, die Zeitung würde vorbeikommen um ein Abschiedsbild zu schießen, nachdem die Journalistin bereits, und das haben beide mitbekommen, mehr als 5 h in uns investiert hatte, Interviews mit allen geführt hatte, geduldig neben den Gebärden harrte.
Am nächsten Morgen warten wir 1,5 stunden am CBM Projekt, dem wohlbekannten und verabredeten Ort und niemand kommt. Auf die sms hin, lässt die eine zumindest ausrichten, dass sie nicht mehr komme, und die andere antwortet gar nicht. Den Fotografen lassen wir ein Bild mit uns vor zwei leeren Tandems schießen, die Klamotten, die wir zur Verteilung ausgebreitet hatten wieder einpackend. Sie sollen das ruhig so schreiben, die Szene braucht einen Stoß vor den Kopf, mit dieser passiven Erwartungshaltung werden sie nicht viel für die Gehörlosengemeinschaft erreichen. Das Projekt ist heute morgen gestorben.
Wie der Name schon sagt, beinhaltet der Projektname bereits einen Aufruf zur aktiven Beteiligung. In einem Land wie Ecuador, wo wie am Anfang ausgeführt keine Kultur zur aktiven Beteiligung mehr herrscht, ist ein Vamonos en Senas Projekt nicht durchführbar.
Einen Kompromiss haben Jacqueline und ich nun vor, um die Zeit irgendwie zu füllen: wir lassen das zweite Rad auch noch in Guayaquil und werden niemandem mehr das Mitradeln ermöglichen, wohl aber Gehörlose auf dem Land aufsuchen, uns mit Ihnen treffen und versuchen mit Ihnen in den Ortschaften Minikurse zum Fingeralphabet wie hier zu sehen ist, anzubieten.

Erfolgreicher Spontankurs des Fingeralphabetes durch den gehörlosen Victor (re.) und die Dolmetscherin Jacqueline (li.)

Erfolgreicher Spontankurs des Fingeralphabetes durch den gehörlosen Victor (re.) und die Dolmetscherin Jacqueline (li.)

Ebenfalls von Nöten ist: sich mit den wenigen Gehörlosen vor Ort zu treffen, und sie zu motivieren die LSE, also die ecuadorianische Gebärdensprache zu lernen, da sie sich mit ihren Hausgebärden selber einschränken. Die Verfügbarkeit von Spezialschulen ist im Vgl. zu Bolivien auch sehr sehr viel schlechter. Die Zeugen Jehovas arbeiten dahingehend sehr schlau: sie besuchen die Gehörlosen regional zu hause, bringen Basics in LSE bei, um ihre Bibelauslegungen kommunizieren zu können. Als wir sie in Pedernales besuchten, um zu fragen, wo die lokalen Gehörlosen wohnen, wird uns der Zugriff verweigert, es würde ausschließlich über die Bibel geredet. So sieht es aus. Und so kann es in den nächsten Tagen wieder aussehen, allerdings ohne “echten” und gebildeten, gehörlosen Projektteilnehmer:

Treffen mit Gehörlosen, Angehörigen und Schaulustigen in der Bürgermeisterei

Treffen mit Gehörlosen, Angehörigen und Schaulustigen in der Bürgermeisterei

Links im Bilde abgeschnitten einige Schaulustige, die erst über die vier anwesenden Gebärdenden spotteten, dann aber dank Jacquelines geduldigem Ignorieren letzen Endes doch auch ihre Finger von a bis z mit verformten. Der Gehörlose mit Gummistiefel zeigt auf die Frage nach seinem Alter sechs Mal beide vollen Hände und noch mal fünf Finger. Es fehlt viel. Viele lachen. Victor, der die Reihenfolge des ABC leider auch nicht selbständig beherrscht, bittet eindringlich um mehr Respekt dem Mitgehörlosen gegenüber. Schweigen. In Brasilien haben wir in den 40 Workshops teils wirklich profunde Diskussionen führen können. In Bolivien haben wir ebenfalls 40-mal durchschnittlich 25 Schüler erreicht und unsere ABC-Karten verteilt und uns mit der Politik getroffen. Was wir bisher und in Zukunft in Ecuador machen können liegt im selben Verhältnis unter dem bisher erreichten, wie die Situation der Gehörlosen selber schlechter ist. Relativ gesehen, waren diese beiden Treffen oben in San Jose de Chamanga an Ecuadors Küste also das Beste, was wir haben geben und erreichen können.
Wünscht uns mehr Erfolg für die kommenden Tage, wären diese Erfahrungen hier für meine hoffentlich Zukunft als Campaigner nicht so nachhaltig, wäre ich wahrscheinlich sehr sehr traurig. In diesem Falle, liegt es nicht in meiner Macht, die Grundhaltung der Menschen zu verändern und kann nur hoffen, dass Länder wie USA und Deutschland, die sich an der sog. “Entwicklungshilfe” beteiligen möglichst bald anders arbeiten. Im www.asa-programm.de haben wir bereits gelernt, dass es eine neue Richtung gibt, die weniger Brunnen-bohrend als eher aufklärend unterwegs ist, mehr Hilfe zur Selbsthilfe als verordnete Passivität. Mehr Lenkung des Kaufverhaltens in den reichen Ländern durch Aufklärung, siehe die Fair Trade Bewegung, die das Mehr an investiertem Geld seitens des deutschen Verbrauchers in die Produzenten weitergibt. Auf dass ecuadorianische Kakao- oder Kaffebauern ein adäquateres Gehalt bekommen und gar nicht mehr auf Gelder aus der Entwicklungshilfe angewiesen sind. Darin sehe ich persönlich viel mehr Zukunft und möchte gerne in Zukunft ein Projekt in Südamerika zum Thema FairTrade wuppen.

Sebastian

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