Für wen sich solch eine Amazonas-Schifffahrt lohnt

Um die verschiedenen Lonley-Planet-Forenbeiträge einmal zusammen zu fassen und um meinen persönlichen Senf ab zu runden:

Wer von jenen Schiffspassagen Naturhighlights erwartet, wie ich, wird enttäuscht werden. Im Vergleich zu fast jedem Sonnenuntergang in Bolivien empfand ich persönlich die oft in Nebel untergehende Sonne allenfalls als „nett“. Sonnenaufgänge gestalteten sich überhaupt nie bemerkenswert. Irgendwann war es hell. Wer den Vergleich nicht hat oder bescheidener Natur ist, oder klimatisch Glück hat, mag den im Internet so herauf beschworenen Sonnenuntergängen etwas abgewinnen.

Alle oben beschriebenen Flüsse sind einheitsbraun, wirken dreckig obwohl sie es natürlich nicht sind, aber sein könnten, weil speziell die Peruaner einfach alles, aber auch alles hinein werfen: Flaschen, Dosen, Essschalen aus Styropor, Plastikmüll, etc. Da man schlecht wegschauen kann, zog mich persönlich das ziemlich runter. In Brasilien ist es ein bisschen besser.

Flussdelphine

 Gibt es, ja. Mit etwas Glück kann man die auch sehen und sogar fotografieren. Wer gerne angelt, kann das auch an Bord tun, einen Grill habe ich auch gesehen, in den 10 min. Haltestellen, kann man sicher schnell Kohle besorgen.

Regenwald

Das „Grün“ ist eine Wand, an der man in einem Abstand von 5-500 Meter entlang fährt. Die Mitnahme eines Fernglases lohnt sich bestimmt. Einmal habe ich Vögel gesehen, mehr aber auch nicht. Es war gerade zu schade zu merken, dass man die ganze Zeit durch die Lunge unserer Erde fährt, das Boot aber nie länger halt, dass man auch mal was entdecken könnte. Manchmal hält es de fakto länger, aber keiner der Verantwortlichen kann oder will dies absehen und deswegen werden stets nur „10 min“ angesagt, auch wenn es durchaus mal 1,5 h waren (die Keiner nutzen kann, da das Boot auch ohne Dich abfährt).

Was die Sache auf Peruanischer Seite noch ganz liebenswert macht, sind die vielen Frauen und Kinder die bei den noch so kurzen Halts an Bord springen und aus den Wannen die sie auf Ihren Köpfen oder im Arm tragen Mangos, Kokosnüsse, Kokosraspel-Kuchen, Kuchen, Getränke, Reis- und Huhnspeisen oder exotische Früchte verkaufen. Das, wie in Peru üblich, zu günstigen Preisen.

Strom

Gab es tatsächlich immer. Unbedingt so eine 5 Meter Verlängerung plus einen Dreifachstecker vorher kaufen. Damit hat Dein Notebook auf jeden Fall immer Saft.

Sicherheit

Immer zweifelhaft. Alleinereisende sollten sich schnell mit anderen Gringos oder zumindest reisenden Argentiniern, Mexikanern oder Chilenen zusammen tun. Oder eben jemanden finden, dem sie vertrauen. Auf dem teilweise aberwitzigen Spießroutenlauf zur Duschen/Toilettenkombi immer auch noch den Wertsachenrucksack mit schleppen zu müssen, wäre eine Zumutung.

Ich (mit Notebook und Kameraausrüstung hohen Wertes) habe den Rucksack mit Notebook drin und Regenhülle drum herum abends wie eine Fledermaus knapp über meiner Brust hängend von der Decke baumeln lassen. Ein Packriemen von Globetrotter hilft! Überhaupt empfiehlt es sich wegen spontaner Regengüsse und Säuberungsaktionen seitens des Schiffspersonals seine Dinge oben unter der Decke anzubringen und nicht am Boden. Den kleinen Fotorucksack, mit Geld und Festplatten drin hatte ich nachts unter der dem Schlafsack zwischen den Beinen.

Weggekommen ist nur ein MP3 Stick der morgens bei einem der Haltestellen mitgenommen wurde und andere Dinge (Waschpulver, Seife), die in Plastiktüten auf dem Boden neben unseren Rucksäcken liegend entweder als Müll oder Freiwild gewertet wurden.

Lesen

Geht sehr gut in der Hängematte. Dank Bücher war die Zeit an Bord für mich nicht verloren. Überhaupt kommt es mir ein wenig vor wie das Reisen in der Transsib: Landschaftlich total überschätzt an und für sich total monoton und hauptsächlich ob der Auszeit gut, bzw. ob der Kommunikation mit anderen Menschen, wenn man dazu Lust hat.

Akustik

Auf einem Drittel der Schiffe war der Lärm, der vom Schiff ausging angenehm, im mittleren Drittel so lala (gerade noch so, dass ich keine Ohrenstöpsel verwendet habe und man noch MP3 hören konnte) und auf zwei Booten derart Laut, dass ich 24/7 Ohrenstöpsel drauf hatte und sofort einen Gehörschutz á la „Micky Mouse“ aufgesetzt hätte. Gibt es in Deutschland in jedem Laden für Arbeitsschutz bzw. im Raiffeisen für ein paar Euro. Wer gezielt eine Amazonastour plant, Musiker ist oder Fan von Hörspielen, sollte die Anschaffung von professionellen Ohrenstöpsel PLUS Gehörschutz erwägen. Egal, was die anderen denken!

Essen an Bord

Sehr verschieden – es schwankte zwischen Hängemattenbring-Service mit leckerem Porridge oder quasi fleischfreier Suppe auf peruanischer und 1,5 Stunden Anstehens für morgens ein Becher Zucker mit Kaffe und Milch und zwei mal täglich Reis mit Spaghetti und Hühnchen auf brasilianischer Seite. Letzteres bedeutet für den Vegetarier ca. 20-mal trockenen Reis mit trockenen Spaghetti zwischen Tabatinga und Belem. Unbedingt also Soßen, die Hitze ertragen mitnehmen: Sojasoße, Senf vielleicht, Ketchup (Achtung, Brasilianisches Ketchup ist das schlimmste, was mir je unter gekommen ist.)

Ich und die anderen

Letzten Endes resümiere ich, dass sich diese Schifffahrten nur für zwei Arten Klientel lohnen: für solche, die es unbedingt mal gemacht haben wollten oder nicht fliegen wollen (zu denen ich mich zähle) und besonders für diejenigen, die Lust darauf haben, andere Menschen kennen zu lernen. Denn von denen gibt es an Bord natürlich endlos viele. Und alle langweilen sie sich. Kontaktaufnahme auf Spanisch bzw. Portugiesisch ist also einfach möglich.

Das große Abhängen

Legt Euch diagonal in die Hängematte, dann werdet Ihr sehen, dass es eine durchaus rückenfreundliche und bequeme Art des Liegens ist. Ich der ich auf normalen Betten oder Isomatten, sprich beim konventionellem Liegen spätestens nach 10 h Rücken – und Kopfschmerzen bekomme, habe nun fast 2 Wochen konzentrierten Liegens hinter mir – ohne jedwede Schmerzen.

Wenn es zu voll wird kann man sich den horizontalen Freiraum durch geschicktes versetztes Hängen (in der Höhe) wieder ergattern.

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